Christa Wolf: eine Rede für die Geschichtsbücher

Christa Wolf bei ihrer Rede am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz

Bildquelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-060 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de.

Es war ein besonderer Tag am Berliner Alexanderplatz: Der 04.11.1989. Etwa einen Monat nach dem Mauerfall fand dort eine der vielleicht bekanntesten Demonstrationen auf dem Boden der DDR statt. Zu den prominenten Rednerinnen und Rednern gehörte auch die Schriftstellerin Christa Wolf.

Ihre Erzählung ,,Kassandra”, welche im Jahr 1983 veröffentlicht wurde, übte bereits lange vor dem Mauerfall und einer absehbaren Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten massive Kritik am Regime in der DDR. Geschickt getarnt, formulierte Wolf jene Kritik und war dabei so erfolgreich, dass das Werk sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR veröffentlicht wurde.

Nun stand Christa Wolf am 04.11.1989 also vor dem Rednerpult und hatte wie alle anderen Rednerinnen und Redner vor und nach ihr die Möglichkeit, für eine rasche Wiedervereinigung, eine massenhafte Ausreise, etc. zu plädieren.

Christa Wolf entschied sich anders und hielt eine denkwürdige Rede

Sie forderte in Ihrer Rede wörtlich: ,,Demokratie, jetzt oder nie!“ Ihrer Meinung nach war mit dem Mauerfall sowie mit den vorherigen Protestbewegungen, die weiter anhielten, die Zeit für massive Reformen, ja gar für eine Revolution innerhalb der DDR gekommen.

Vor allem aber interpretiert Christa Wolf in ihrer Rede am 04.11.1989 die Situation als einmalige Chance. Jetzt war die Zeit gekommen um in den Dialog miteinander zu treten und gemeinsam einen neuen Staat zu schaffen, der den Bürgerinnen und Bürgern der DDR gerecht wird und jene als oberste Instanz akzeptiert. Hierbei lobt Christa Wolf explizit die Rufe der Demonstrantinnen und Demonstranten, welche den Ordnungshütern anboten, sich umzuziehen und gemeinsam in einer friedlichen Protestbewegung für eine andere, eine demokratische DDR zu demonstrieren.

Auf das Wort Wiedervereinigung und auf die Aussage, dass das Ende der DDR in Sicht sei, mussten die Zuhörerinnen und Zuhörer von Christa Wolf an diesem denkwürdigen Tag in Berlin vergebens warten. Stattdessen formulierte die Schriftstellerin ihre persönliche Wunschvorstellung von der zukünftigen DDR, die von zufriedenen Bürgerinnen und Bürgern geleitet würde: „Also träumen wir mit wacher Vernunft: Stell dir vor es ist Sozialismus und niemand geht weg.“

Auf dem Weg zur Wiedervereinigung

Die Aussagen Christa Wolfs machen deutlich, dass im November 1989 unter der geistigen Elite der DDR sowie im Volk noch keinerlei Gewissheit darüber herrschte, dass der Weg des Landes in den kommenden 12 Monaten strikt in Richtung Wiedervereinigung gehen wollte.

Der 04.11.1989 war dabei ein Tag der Ideen, auch der Ideen für eine frische und neue DDR. Christa Wolf erkannte, dass die Chance gekommen war, Großes zu schaffen und bleibende Veränderungen herbeizuführen. Sie leistete mit ihrer Rede auch einen Anteil dazu, dass sämtliche Protestbewegungen so friedlich verliefen, dass das gesamte deutsche Volk noch heute mit Recht stolz auf den Fortgang jener Bewegungen sein darf.