November 1989 – Die Mauer fällt

Die Flucht in den Westen von so vielen Ostdeutschen im Sommer und Herbst 1989 löste auch in der DDR selbst Demonstrationen und Widerstand gegen die kommunistische Führung aus.

Die Montagsdemonstrationen

Am Weltfriedenstag, dem 1. September, kam es zu ersten Demonstrationen in Neuruppin und Forst, bei denen vor allem junge Leute eine Öffnung der Grenzen und Reisefreiheit forderten.
Auch in Leipzig kam es jeden Montag zu friedlichen Demonstrationen, eine der größten fand am 9. Oktober statt. Rund 70.000 Demonstranten zogen an diesem Tag ungehindert von Polizei und Staatssicherheit durch das Zentrum der Stadt. Die SED-Führung stand den Entwicklungen hilflos gegenüber und wagte nicht, einen Schießbefehl zu erteilen, weil die Bürgerbewegung sehr rasch immer mehr Anhänger gewann.

Rücktritt der Regierung

Am 4. November 1989 versammelten sich eine halbe Million Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz und verlangte lautstark nach mehr Reisefreiheit. Daraufhin legte die SED einen Entwurf für ein neues Reisegesetz vor, welcher aber von Teilen der Führung als unzureichend abgelehnt wurde. Der interne Konflikt führte zum Rücktritt der DDR-Regierung unter Ministerpräsident Willi Stoph und am 8. November folgte das gesamte Politbüro des Zentralkomitees.

Das neue Reisegesetz

Ein neues Reisegesetz wurde ausgearbeitet und im Zentralkomitee verlesen. Am frühen Abend des 9. November gab ZK-Sekretär Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz bekannt, die DDR-Bürger könnten „sofort, unverzüglich“ Genehmigungen für Privatreisen ins Ausland beantragen, ohne die bisher notwendigen Voraussetzungen wie Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse. Diese Information verwandelten die Nachrichten der ARD um 20 Uhr zu folgender sensationellen Schlagzeile:

“Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Nach den turbulenten Ereignissen des Sommers, welche die immer noch erstaunliche Öffnung des Eisernen Vorhangs gebracht hatten, war diese Schlagzeile durchaus glaubhaft. Die DDR-Führung wollte eigentlich nur Genehmigungen zur Ausreise vergeben, aber durch die Nachrichtenberichterstattung nahmen die DDR-Bürger an, die Grenzen seien ab sofort für jedermann passierbar. Allerdings konnte von “weit offen” keine Rede sein, die Grenzbalken waren wie immer geschlossen.

Die Nacht, in der die Mauer fiel

Am Abend des 9. November gegen halb neun kamen die ersten Ost-Berliner zum Grenzübergang an der Bornholmer Straße, um zu sehen, ob die Nachrichten der ARD der Wahrheit entsprachen. Die Grenzpolizei hatte keinerlei diesbezüglichen Anweisung erhalten und hielt die Grenze geschlossen, den Leuten wurde gesagt, ohne gültiges Visum könne niemand ausreisen. Die Versammlung von Menschen löste sich aber nicht auf, im Gegenteil, kurz vor zehn Uhr drängten sich schon zwischen 500 und 1000 Ost-Berliner vor dem Grenzübergang und auf einem Kilometer stauten sich die Autos. Um den Druck der Masse von Menschen zu mindern, wurde seit 21.20 Uhr einzelnen Ostdeutschen erlaubt, den Grenzübergang zu passieren. Dabei wurde aber vielen der Personalausweis als nun mehr ungültig gestempelt und damit war der Inhaber eigentlich ausgebürgert.
Zu diesem Zeitpunkt kamen an allen Grenzübergängen immer mehr Menschen zusammen und bildeten eine angespannte, wenn nicht sogar bedrohliche Menschenmasse. Um 23 Uhr drängten sich an der Bornholmer Straße schon tausende Menschen und riefen:

“Tor auf! Tor auf” und “Wir kommen wieder, wir kommen wieder.”

Sie wollten nicht wie die Sommerflüchtlinge das Land verlassen, sie wollten nur Reisefreiheit.

Ein Spaziergang nach West-Berlin

Die meisten Leute hatten keine Ausreise aus der DDR im Sinn, sie wollten nur eine Stunde oder zwei in West-Berlin spazieren gehen, wollten nur einmal “rüber” gucken, und dann wieder nach Hause zurückkehren. Mittlerweile hatten sich auch auf der westlichen Seite zahlreiche Schaulustige eingefunden, die sehen wollten, was im Osten vor sich ging.
Um halb elf entschied der diensthabende Chef der Grenzübergangsstelle, Oberstleutnant Harald Jäger, eigenmächtig, die Passkontrollen einzustellen und den Schlagbaum zu öffnen. Er befürchtete, die Menschenmenge könnte die Wache stürmen und sich der dort lagernden Schusswaffen bemächtigen. Da er keinerlei Unterstützung und keine klaren Befehle von seinen Vorgesetzten erhalten hatte, sah Jäger in der Öffnung der Grenze die einzige Möglichkeit, um die angespannte Situation auf friedliche Art und Weise zu lösen. Die wartenden Ost-Berliner konnten jetzt ungehindert über die Brücke laufen und wurden von den West-Berlinern enthusiastisch begrüßt. Man geht davon aus, dass in den nächsten Stunden rund 20.000 Menschen diesen Grenzübergang überquerten und das unglaubliche Ereignis gemeinsam mit den West-Berlinern ausgiebig feierten.

Die Tore sind weit offen

Nur kurze Zeit später gaben die diensthabenden Offiziere an den anderen Grenzübergängen ebenfalls dem Druck der wartenden Menschen nach und um Mitternacht waren die Grenzen tatsächlich weit offen. Am Kurfürstendamm kam es zu einer spontanen Party mit Freibier und Verbrüderungen. Neue Liebesbande zwischen Ost und West wurden in dieser Nacht geknüpft, alte Familienbande wurden erneuert und alte wie neue Freunde gefunden.
Die Ost-Berliner konnten in dieser Nacht zum ersten Mal seit 1961 in den Westteil der Stadt spazieren und es wurde ein Spaziergang mit weltpolitischen Folgen. Erst in dieser Nacht ging nicht nur der zweite Weltkrieg, sondern auch der Kalte Krieg zu Ende.

Eine Brandrede am Brandenburger Tor

Als in der Nacht vom 9. November zwischenzeitlich wegen der allgemeinen Verwirrung das Brandenburger Tor wieder geschlossen wurde, bestand die Ostberlinerin Bärbel Reinke darauf, trotzdem genau dort hindurch gehen zu dürfen.
Andere Übergänge waren teilweise schon geöffnet, worauf man sie mehrmals hinwies, doch sie wollte unbedingt hier durchgehen. Sie bat, nur einmal hin und her gehen zu dürfen, auch die Begleitung von Soldaten wäre ihr recht. Doch die verunsicherten Soldaten bildeten eine Mauer, da sie selbst nicht wussten, was eigentlich vor sich ging.

Die Rede

Daraufhin hielt Bärbel Reinke eine Brandrede, die die Frustration der DDR-Bürger deutlich zum Ausdruck brachte:

“Ich will nur mein primitives Recht, da einmal durchzugehen. Ich habe mir gewünscht, nur einmal im Leben durch das Brandenburger Tor zu gehen. Ich komme ja wieder, ich will da nicht rüber. Ich habe diesen Staat mitaufgebaut, ich habe vier Kinder hier großgezogen. Ich denke gar nicht daran, hier wegzugehen. Zeigen Sie nicht wieder diesen Sturrsinn, diesen Starrsinn. Wer ist zuständig? Warum geht das jetzt nicht? Ihr müsst ja mal wissen, was ihr wollt, das müsst Ihr uns mal sagen. Wieso macht ihr jetzt wieder so eine Mauer? Wisst ihr, wie lange wir gewartet haben? So wie ihr das macht, geht das nicht weiter! Sollen alle da rüber gehen?”

Ein Traum geht in Erfüllung

Die Rede und die Verzweiflung von Frau Reinke taten ihre Wirkung, die Grenzsoldaten gaben tatsächlich nach und einige begleiteten sie bis zum Brandenburger Tor. In dieser Nacht ging ihr Traum in Erfüllung, wie für so viele Ost- und West-Berliner. Wenig später wurden alle Grenzübergänge auf Dauer geöffnet und ein Jahr später war Deutschland wieder vereinigt.