Leben mit der Mauer

Der Bau der Mauer löste zuerst Schock und Unglaube auf beiden Seiten aus. Man sprach von einem “Schandmal” und zahlreiche Politiker verlangten vehement ihren Abriss. Doch als sich in den folgenden Jahren nichts am Status Quo änderte, begannen die Menschen sich an die Existenz der Mauer zu gewöhnen.
West-Berliner konnten relativ einfach mit einem Passierschein nach Ost-Berlin gelangen, während die Ost-Berliner nicht mal in die Nähe der Mauer gehen durften. Trotz der mühseligen Umstände wurden viele private Verbindungen gehalten, man ging sich gegenseitig besuchen und sandte Briefe und Pakete.

Erholungsgebiet Mauer

Während auf der Ostseite die Maueranlagen immer mehr mit Stacheldraht, Gräben, Barrikaden und Schießanlagen ausgebaut wurden, nutze man die Westseite zu Erholungszwecken. In Kreuzberg legte man unmittelbar an der Mauer ein Kneipengarten an, Kinder spielten an und in der Anfangszeit sogar auf der Mauer, in dem Brachland wurden Schrebergärten angelegt und unbebaute Stellen zum Sonnenbaden genutzt.
Man richtete sich häuslich ein und baute Kaninchenställen, Geräteschuppen, Hundezwinger und manchmal sogar ein Schwimmbecken. Als Joggen beliebt wurde, nutzte man die Wege entlang der Mauer als Laufstrecke, die Luft war dort besser und es gab keinen störenden Verkehr. Aus Ost-Berlin kamen wiederholt Proteste gegen die „provisorischen Gebäude im Vorfeld der Mauer”, doch die wurden ignoriert.

Absurditäten

Die Teilung der Stadt führte zu absurden Umständen. Einige West-U-Bahnlinien fuhren durch Ost-Berlin, jedoch ohne anzuhalten. Die S-Bahn in West-Berlin wurde wiederum von Ost-Berlin betrieben. Es war mühsam und zeitaufwendig, mit dem Auto in die BRD zu reisen, da es durch die langwierigen und peniblen Kontrollen immer wieder zu stundenlangen Staus an den Grenzposten zur Transitstrecke kam.

Verschönerung der Mauer

Im Laufe der Jahre nutzte die alternative Jugendkultur in West-Berlin die Mauer für künstlerische Aktivitäten. Die bunten Graffitis wurden das Markenzeichen der Mauer und Teil des Stadtbildes. Daraus schlug auch der wachsende Fremdenverkehr Gewinn, ein Besuch der Mauer gehörte bald zu jedem Besichtigungsprogramm, man errichtete sogar Plattformen, damit die Touristen in den Osten hinüber sehen konnte.

Die „Mauer-Krankheit”

Auch wenn man sich an die Mauer gewöhnte und mit ihr leben lernte, so litten die Menschen doch weiterhin unter ihr. Der „Mauerschock” wurde oft nicht richtig verarbeitet, sondern einfach verdrängt.
Auf den Menschen und vor allem auf den durch die Mauer getrennten Familien lastete großer Druck und Stress, die zu psychischen und psychosomatischen Störungen, der sogenannten „Mauer-Krankheit“, führten. Die Leute litten unter Depressionen, Verhaltensstörungen, Psychosen und mehr als anderswo an Klaustrophobie, sie fühlten sich „eingesperrt” oder sogar „eingemauert”.
Auch verzeichnete Berlin eine hohe Rate an Selbstmorden und Selbstmordversuchen, im Westteil war es nach dem Mauerbau sogar eine der höchsten der Welt. Für Ostberlin liegen keine genauen Zahlen vor, es ist aber anzunehmen, dass sie ebenfalls hoch, wenn nicht sogar höher waren.

Die Mauer war in den Jahrzehnten ihrer Existenz für die Menschen “normal” geworden, und in einer Umfrage sagten die Mehrheit der Anwohner, am ehesten würden sie sich vor allem nachts durch das Bellen der Wachhunde gestört fühlen. Die Ruhe der Anwohner wurde jedoch auch durch die zahlreichen Fluchtversuche über die Mauer gestört.

Sterben an der Mauer

Viele Gewässer an der Grenze gehörten zum DDR-Gebiet und wurden zum Gefahrengebiet. Flüchtlinge versuchten, sie zu durchschwimmen und wurde häufig entweder erwischt oder sogar erschossen. Auch einige Kinder ertranken, weil sie nicht schwimmen und von der anderen Seite nicht gerettet werden konnten. Etliche Westberliner starben im Grenzbereich oder in den Grenzgewässer, weil sie verwirrt oder angetrunken unabsichtlich dorthin gelangt waren.
Viele, vor allem ältere Personen, starben eines natürlichen Todes, meistens durch Herzinfarkt, nach oder bei den Kontrollen an den Grenzübergängen. Für sie war häufig der Stress des langen Wartens, die Schikanen der Grenzpolizisten und die emotionale Belastung zu groß.

Der Schießbefehl

Seit den 60er Jahren galt für die DDR-Grenzsoldaten bei „ungesetzlichen Grenzübertritten“ ein Schießbefehl. Eine genaue Zahl von Todesopfer an der Mauer lässt sich nicht eruieren, einige ertranken, etliche verletzten sich bei dem Versuch, die schwer bewachten Grenzanlagen zu überwinden, viele wurden erschossen oder verbluteten im Grenzbereich, weil ihnen niemand zu Hilfe kam. Man nimmt an, dass zwischen 136 und 245 Menschen ihr Leben an der Mauer verloren haben.

Die Toten an der Mauer

Die erste Tote war Ida Siekmann. Sie zog sich am 22. August 1961 bei einem Sprung aus ihrer Wohnung in der Bernauer Straße tödliche Verletzungen zu und starb noch vor der Einlieferung ins Krankenhaus. Das erste Opfer des Schussbefehls war Günter Liftin, der am 24. August 1961 an der Mauer erschossen wurde. Das letzte Opfer dieses Befehl war der nur 20 Jahre alte Chris Gueffroy, der am 5. Februar 1989 bei seinem Fluchtversuch ums Leben kam. Das letzte Opfer an der Mauer hieß Winfried Freudenberg, er verunglückte am 8. März 1989 tödlich mit seinem Gasballon, nachdem es ihm gelungen war, damit die Grenze zu überqueren.
Auch einige Fluchthelfer wie Heinz Jercha, Siegfried Noffke oder Dieter Wohlfahrt erlagen ihren an der Mauer erlittenen Schusswunden.

Die Prozesse

Nach der Wende wurden in den sogenannten Politbüro- und Mauerschützenprozessen Verfahren gegen 277 Personen eingeleitet, um zu klären, wer für die getöteten Menschen an der Mauer verantwortlich war. Rund die Hälfte der Angeklagten wurde tatsächlich zu Gefängnisstrafen verurteilt.