Leben in Westberlin – Leben auf der Insel

Nach der Blockade und dem Mauerbau entwickelten die Bewohnern von West-Berlin eine Art Inselmentalität. Sie fühlten sich wie auf einer isolierten Insel westlicher Lebensart im roten Meer des Kommunismus. “Ein Insulaner verliert die Ruhe nicht” hieß es in einem populären Lied und die meisten Leute sahen sich als Bollwerk gegen den Kommunismus, dem man trotz aller widrigen Umstände trotzen musste.

Die besondere, einzigartige Stadt

Man konnte nach dem Mauerbau nur mehr über gesicherte Korridore nach Westdeutschland reisen, Ausflüge in die nähere Umgebung waren nicht mehr möglich. Die Mauer trennte nicht nur den Ostteil vom Westteil der Stadt, sondern umschloss ganz West-Berlin und unterbrach so jede Verbindung zum Berliner Umland. Sie teilte nicht nur Straßen ab, sondern auch Plätze und Gärten, manchmal sogar einzelne Häuser. Was einst das Zentrum war, wurde jetzt ein Randbezirk.
West-Berlin besaß immer einen politischen Sonderstatus. Zwar wurde es von einem Senat regiert, doch die politische Macht lag eigentlich bei den West-Alliierten. Sie blieben auch im Stadtbild präsent, zu manchen Geschäfte und Kinos hatten nur Angehörige der alliierten Streitkräfte Zutritt, man benannte Straßen nach ausländischen Politikern und feierte amerikanische und französische Volksfeste.
In West-Berlin lebte man in dem Gefühl, in einer besonderen Situation zu sein, Teil einer besonderen Geschichte zu sein, und das übte einen gewissen Reiz aus, sodass sich im Laufe der Zeit auch viele ausländische Künstler dort niederließen.
Alles in der Stadt war ein bisschen anders als anderswo. So besaßen West-Berliner keinen bundesdeutschen grauen Personalausweis, sondern einen grünen „Behelfsmäßigen Personalausweis“. Besonders anziehend war West-Berlin für Wehrdienstverweigerer, da hier keine Wehrpflicht bestand.

Unruhige Zeiten

Ende der 60er Jahre sprang der Funke der amerikanischen Flower-Powerbewegung auch auf deutsche Studenten über und West-Berlin wurde zu einem Zentrum der Studentenbewegung. Nach dem Krieg und während der Blockade waren die US-Amerikaner bei der Bevölkerung wegen ihrer Hilfeleistungen beliebt gewesen, doch durch den Vietnamkrieg nahmen vor allem die Studenten jetzt eine anti-amerikanische Haltung ein. Das brachte sie in Konflikt mit der älteren Generation, die immer noch dankbar für den Schutz gegen die Sowjetion war.
In West-Berlin gründete sich die Kommune 1, in der eine neue Form des Zusammenlebens ausprobiert wurde, traditionelle Familienvorstellungen wurden hier ebenso abgelehnt wie herkömmliche Regeln und Normen.

Hausbesetzungen

Als in Kreuzberg alte Straßenzüge abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt werden sollten, bildete sich gegen diesen Plan eine starke Hausbesetzerszene.
Kreuzberg ist bis heute einer der bekanntesten Stadtteil von Berlin. Das ehemalige Arbeiterviertel wurde durch den Mauerbau an den Stadtrand gedrängt und in die zum Teil abbruchreifen Altbauten zogen Künstler und Studenten ein, die nach billigen Wohnmöglichkeiten suchten. Sie wehrten sich gegen den Abbruch der Häuser und gerieten in heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Hausbesetzer konnten den Abriss verhindern, später selbst Besitzer werden und die Wohnungen und Häuser renovieren. Kreuzberg wurde zu einem beliebten Viertel auch unter türkischen Migranten, sodass man es bald „Klein-Istanbul“ nannte.

Musik und Drogen

Das Buch “Wir Kinder von Bahnhof Zoo“ von Christiane F. beeinflusste eine ganze Generation, da es die dunklen Seiten der Drogenszene in West-Berlin Ende der 70er Jahre zeigte, die mit Kriminalität und Prostitution einherging. Christiane beschreibt in ihrem Buch unter anderem, wie sie nach einem David Bowie Konzert zum ersten Mal Heroin nahm.
David Bowie war einer der bekanntesten Stars, die in West-Berlin lebten. Zusammen mit Iggy Pop nahm er hier die Alben “The Idiot” und “Lust for Life” auf, auch Bowies legendäre Platte “Heroes” entstand in diesen Jahren.
Die Musiker waren Teil einer äußerst aktiven Musikszene und Subkultur, die sich auch darin begründete, dass es im Gegensatz zu Westdeutschland keine Sperrstunde gab. Nach dem Fall der Mauer verlagerte sich das Nachtleben für etliche Jahre in den Ostteil der Stadt, wo die Mieten billiger waren. Dort entstanden eine neue Musikszene, die auch neue Musikstile hervorbrachte.

Kultur und Berliner Originale

West-Berlin war immer eine attraktive Stadt für Künstler. Hier lebten Schriftsteller wie Günther Grass oder Uwe Johnson und an den Theatern wurde mit neuen Formen experimentiert. “Auf der Insel” war es im Gegensatz zu West-Deutschland einfacher, einen alternativen Lebensstil zu pflegen. Ein Beispiel ist die ufaFabrik in Tempelhof, wo alternative Kulturprojekte verwirklicht wurden.
Lieblinge des deutschen Fernsehen wie Hans Rosenthal und Harald Juhnke wurden mit dem Begriff “Berliner Originale” versehen. Anders als die internationalen Musiker oder die etablierten Schriftsteller, aber nicht weniger einflussreich, gaben auch sie der Stadt ihre Prägung.