Der Sommer 1989

“Glasnost”

Mit dem neuen sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow kam 1985 neuer Wind in die sowjetische Politik. Er wollte die eingefahrene stalinistische Strukturen überwinden und dadurch die schlechte Wirtschaftslage verbessern. Gorbatschow benutzte das russische Wort “Glasnost”, das für Offenheit, Transparenz oder Öffentlichkeit steht, um seine neue Staatsführung zu beschreiben.
So wurden Regimekritiker wie Andrei Sacharow freigelassen und Verbannungen aufgehoben. Friedliche Demonstrationen ohne Auseinandersetzungen mit der Polizei oder Verhaftungen wurden möglich. Doch Gorbatschows Reformen kamen zu spät und gerieten schlussendlich zum Auslöser der radikalen Umwälzungen, die in wenigen Jahren zur Auflösung des Ostbocks führten.
Im März 1989 besuchte der ungarischen Ministerpräsidenten Miklos Németh den Kreml und Gorbatschow erklärte das Ende der “Breschnew-Doktrin“, die besagt hatte, dass die Ostblock-Staaten wenn notwendig auch mit Gewalt unter sowjetischer Vorherrschaft gehalten werden sollten. Daraufhin begann Ungarn im Mai 1989 die Grenzbefestigungen zu Österreich zu demontieren.

Visum zur Flucht

Die Westmedien berichteten ausführlich über diese Veränderungen, während die DDR-Medien verständlicherweise kaum darüber berichteten. Die Ostdeutschen glaubten nicht daran, dass die vergreiste DDR-Führung Gorbatschows “Glasnost”-Politik folgen würde, deswegen sahen viele in der sensationellen Entwicklung in Ungarn ihre Chance, der ungeliebten Existenz in der DDR zu entkommen. Ungewöhnlich viele Menschen beantragten ein Visum für einen Sommerurlaub in Ungarn.

Der eiserne Vorhang fällt

Am 27. Juni trafen sich der ungarische und der österreichische Außenminister, Gyulan Horn und Alois Mock, bei Siegendorf, einem Ort an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn, und zerschnitten dort vor laufender Kamera demonstrativ den Grenzzaun. Diese Bilder gingen um die Welt und die DDR-Bürger sahen im Westfernsehen staunend mit an, wie Ungarn immer mehr seiner Grenzanlagen abbaute.

Sommerurlaub als Fluchtgelegenheit

Die großen Ferien begannen 1989 in der DDR an einem Samstag und
wie jedes Jahr fuhren zehntausende DDR-Bürger mit ihren Trabanten und Ladas über Land oder mit dem Zug nach Ungarn, um für ein paar Wochen südliche Wärme und Entspannung zu genießen. Sie genossen nicht nur das heiße Wetter, Pfirsiche und Pepsi-Cola, sondern hörten auch Gerüchte über günstige Fluchtmöglichkeiten nach Österreich.

Das Picknick bei Sopron

Auf ungarischen Zeltplätzen nahe der Grenze zu Österreich kampierten tausende Ostdeutsche und warteten auf eine Gelegenheit, sie gefahrlos überqueren zu können.
Am 19. August 1989 luden die “Paneuropa-Union” und das “Ungarische Demokratische Forum” in der Nähe von Sopron zum “Paneuropäischen Picknick” ein, das unter der Schirmherrschaft von Europa-Parlamentsabgeordneten Otto von Habsburg und dem ungarischen Staatsminister Imre Pozsgay stand.
Fluchthelfer verteilten Tausende von Flugblättern, die auf die Veranstaltung aufmerksam machten, aber auch genaue Angaben über den Grenzverlauf und dessen einfachste Überquerung enthielten. Etwa 700 DDR-Bürger nutzten die nur wenig Stunden dauernde Grenzöffnung, um nach Österreich zu fliehen.
Auch wenn der eisernen Vorhang sich öffnete, war es immer noch gefährlich, die Grenze zu überqueren. Das letzte Opfer dürfte der Architekt Kurt-Werner Schulz gewesen sein, der von einer ungarischen “Arbeitermiliz” an der Grenze erschossen wurde.

Zuflucht in den Botschaften der BRD

Zwischen August und Oktober 1989 füllten sich auch die Botschaften der BRD in Budapest, Prag und Warschau mit tausenden Ostdeutschen, die nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren wollten. Mitte August mussten die Botschaften zum Teil wegen Überfüllung geschlossen werden, auch in der Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin fanden sich Flüchtlinge ein.

Die Grenze ist offen

Nach einem Gipfeltreffen zwischen dem ungarischen Ministerpräsident Miklos Németh und dem deutschen Bundeskanzler Helmuth Kohl schob Ungarn jene DDR-Bürger, die bei einem illegalen Grenzübertritt gefassten worden waren, nicht mehr in die DDR ab. Es kam zu dem Beschluss, dass alle DDR-Bürger in Ungarn, die das wollten, bis September in die BRD ausreisen könnten.
Tatsächlich öffnete Ungarn in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989 seine Grenzen, der Eiserne Vorhang war damit endgültig gefallen.
Bis Ende September flohen über 30.000 Menschen auf diesem Weg nach Österreich, und dann weiter in die BRD, wo sie erst einmal in provisorischen Notquartieren untergebracht wurden.

Eine lethargische SED-Führung

Der DDR-Ministerrat beschäftigte sich erstmals am 14. September mit der Massenflucht und hielt es weiterhin für einen “Großangriff des Gegners”, ohne sich um die Beweggründe der Flüchtlinge zu kümmern. DDR-Außenminister Oskar Fischer versuchte in Ungarn zu intervenieren, um eine Grenzschließung zu erreichen, hatte jedoch keinen Erfolg. Die SED-Führung blieb weitgehend untätig.

Ausreise in die BRD

Nach dem Todesfall an der ungarischen Grenze Mitte August durften über 100 Flüchtlinge die Botschaft in Budapest in Richtung BRD verlassen. Ende September wurde den 6000 Flüchtlingen in der Prager Botschaft die Ausreise nach Westdeutschland bewilligt. Anfang November konnten DDR-Bürger dann auch mit Genehmigung der SED-Führung über die Grenze der Tschechoslowakei nach Westdeutschland ausreisen und etwa 15.000 Menschen nahmen diese Möglichkeit wahr. In diesem wahrlich heißen und aufregenden Sommer kehrten bis in den Herbst rund 200.000 Ostdeutsche der DDR den Rücken.